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NEUE MEDIKAMENTE GEGEN RHEUMA / FRÜHDIAGNOSE WICHTIG / GESPRÄCH MIT DR. KAUFMANN Das ist keine Erkrankung des Alters

Siegen - Mehr als 400 unterschiedliche Krankheitsformen umfasst der Begriff „Rheuma“. Die Patienten leiden unter Schmerzen an Knochen, Muskeln, Sehnen, Gelenken oder Bindegewebe.
Etwa 15 Prozent der Bevölkerung, so teilt die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) mit, leiden unter rheumatischen Beschwerden, auch wenn es ein einheitliches Krankheitsbild nicht gibt.
Der gestern begangene Weltrheumatag möchte Verständnis für Rheuma-Betroffene wecken, ein stärkeres Bewusstsein für die Krankheit in der Öffentlichkeit hervorrufen, aber auch über die Risiken der Erkrankung aufklären. Ärzte weisen immer wieder darauf hin, dass die Früherkennung der Erkrankung sehr wichtig ist. Beim zeitigen Gang zum Arzt bestehen jedoch gute Chancen, die Krankheit in den Griff zu bekommen, zumal die Ärzte seit wenigen Jahren auf eine neue Klasse von Medikamenten zurückgreifen können.
Über das Krankheitsbild Rheuma und wie man ihm mit Behandlungskonzepten begegnet, sprach die Siegener Zeitung mit Dr. Diethard Kaufmann, dem Chefarzt der Klinik für Internistische Rheumatologie am Rheumazentrum Oberammergau.
SZ: Herr Dr. Kaufmann, bei Rheuma denken viele immer noch an eine Krankheit des Alters.
Kaufmann: Das Bild hält sich leider hartnäckig. Es stimmt aber nicht. Das ist keine Erkrankung des Alters. Die rheumatoide Arthritis, mit 600 000 Fällen in Deutschland die am häufigsten diagnostizierte Form, tritt vermehrt zwischen dem 20. und den 40. Lebensjahr auf, es können aber schon Kinder und Jugendliche davon betroffen sein, ebenso natürlich ältere Menschen.
SZ: Wie kommt es zu der Krankheit, und woran kann man sie erkennen?
Kaufmann: eine Disposition für rheumatoide Arthritis, wie auch für viele andere Formen von Rheuma, ist bereits im Erbgut der Betroffenen angelegt, es ist also einen Autoimmunerkrankung. Meist treten Schmerzen und Schwellungen an den Fingergrund- und Fingermittelgelenken und an den Füßen auf, seltener beginnt die Erkrankung an den größeren Gelenken. Immer dann, wenn mehr als zwei Gelenke mehr als zwei Wochen lang geschwollen sind, sollte man sich an einen erfahrenen Arzt wenden. Auch eine Morgensteifigkeit an den Gelenken, die über 30 Minuten besteht, ist ei Indiz für die Erkrankung.
SZ: Viele Menschen denken bei Rheuma an ein Zipperlein, das kommt und geht und womöglich mit dem Wetter zusammenhängt.
Kaufmann: Daran kann man erkennen, dass noch sehr viel Aufklärungsarbeit nötig ist. Man darf diese Erkrankung keinesfalls unterschätzen. Wenn sie einmal Schaden hinterlassen hat an Knorpel und Knochen, dann ist das irreversibel. Ein Gelenk zum Beispiel kann deformierten und sogar versteifen. Behinderungen sind die Folge. Geht die Erkrankung ungebremst weiter, können auch Organe betroffen sein. Statistisch gesehen wirkt sich die rheumatoide Arthritis um fünf bis sieben Jahre lebensverkürzend auf die Betroffenen aus.
SZ: Wie gut lässt sich die Krankheit heute behandeln?
Kaufmann: Das medikamentöse ‚Therapiespektrum hat sich seit der Jahrtausendwende erweitert. Neben den klassischen Basismedikamenten zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis stehen uns jetzt auch die so genannten `Biologicals` zur Verfügung. Das sind neuartige gut verträgliche Medikamente, die in der Lage sind. die Botenstoffe für Entzündungen, die Zytokine, im Blut abzufangen. Die entzündlichen Rheumaformen sind dadurch viel besser behandelbar geworden. Unser Ziel ist heute sogar die Remission, also der Stillstand der Erkrankung. Hinzu kommen weitere bewährte Medikamente sowie Bewegungstherapie, Ergotherapie und Physikalische Therapie. Wichtig ist der frühe Behandlungsbeginn.
SZ: Über welche Zeiträume sprechen wir denn?
Kaufmann: Es gibt ein „window of opportunity“, in dem wir ansetzen müssen, das sind die ersten drei Monate nach Erkrankungsbeginn. Je früher man behandelt desto besser. Wir wollen die Leute möglichst früh an den rheumatologischen Fachmann bringen.
SZ: Man hört aber auch von falschen oder zu späten Diagnosen seitens der Ärzte:
Kaufmann: Den Schuh können wir uns nur teilweise anziehen. Sicherlich ist Rheuma zurzeit noch unterdiagnostiziert. Der Austausch mit en Hausärzten ist in den letzten Jahren jedoch intensiviert worden. Infolgedessen wird rascher überwiesen. Wir müssen aber immer wieder feststellen. Dass Betroffene viel zu spät den Arzt aufsuchen. Dann stehen die Chancen, das Leiden wirksam zu bekämpfen, natürlich viel schlechter.
Diethard Kaufmann
Dr. Diethard Kaufmann, Chefarzt der Klinik für Internistische Rheumatologie am Rheumazentrum Oberammergau, wuchs in der Gemeinde Wenden auf und legte 1983 am Städtischen Gymnasium Olpe das Abitur ab. Er studierte an den Universitäten Marburg und Edinburgh Medizin und absolvierte seine Ausbildung zum Internisten in Kassel. Es folgte eine Station als Diabetologe in Osnabrück; seit 1998 ist er als Rheumatologe in Oberammergau tätig, seit 2005 als Chefarzt.
Artikel aus: "Siegener Zeitung" vom 13.10.2007, Autor: goeb. |
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